Die europäischen Klimaziele setzen den Rahmen für die kommenden Jahrzehnte im Straßen- und Tiefbau. Mit dem „Green Deal“ und dem „Fit for 55“-Paket hat die Europäische Union klare Vorgaben gemacht, die direkte Auswirkungen auf kommunale Bauämter, Straßenbaubehörden und Bauunternehmen haben. Das Ziel ist ambitioniert. Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um 55 Prozent gegenüber 1990 sinken. Bis 2050 strebt Europa die Klimaneutralität an. Für die Asphaltindustrie bedeutet dies einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie wir Straßen planen, bauen und erhalten.
Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Herausforderungen, analysiert die Emissionsquellen im Lebenszyklus von Asphalt und zeigt pragmatische Lösungswege auf, die bereits heute gangbar sind.
Die Ausgangslage: Wo die Emissionen entstehen
Um wirksame Maßnahmen zu ergreifen, müssen wir zunächst verstehen, an welchen Stellen im Prozess CO₂-Emissionen anfallen. Eine detaillierte Analyse des Lebenszyklus von Asphalt zeigt eine klare Verteilung. Der Großteil der Emissionen entsteht in den frühen Phasen der Produktion. Die Module A1 bis A3, welche die Rohstoffgewinnung, den Transport zum Mischwerk und die Herstellung des Mischguts umfassen, sind für über 80 Prozent der gesamten CO₂-Emissionen verantwortlich.
Hierbei fallen insbesondere die Trocknung und Erhitzung der Gesteinskörnungen sowie die Erhitzung des Bitumens ins Gewicht. Der aktuelle Durchschnittswert liegt bei etwa 65 kg CO₂-Äquivalent pro Tonne Asphalt. Dies ist der Basiswert, an dem sich alle zukünftigen Optimierungen messen lassen müssen. Die weiteren Phasen wie der Transport zur Baustelle, der Einbau und der spätere Rückbau tragen zwar ebenfalls zur Bilanz bei, bieten jedoch im Vergleich zur Herstellung einen geringeren Hebel für massive Einsparungen.
Der Fahrplan bis 2030 und 2050
Die European Asphalt Pavement Association (EAPA) hat eine Roadmap entwickelt, die aufzeigt, wie die Branche die geforderten Reduktionsziele erreichen kann. Der Weg von den aktuellen 65 kg CO₂/t hin zu Netto-Null erfordert ein Zusammenspiel verschiedener technologischer Ansätze. Es gibt keine einzelne Wunderlösung. Vielmehr ist es die Summe vieler technischer Anpassungen, die das Ergebnis liefert.
Für das Zwischenziel 2030 liegt der Fokus auf drei wesentlichen Säulen:
- Temperaturabsenkung: Die flächendeckende Einführung von Niedrigtemperaturasphalt (Warm Mix Asphalt) birgt erhebliches Potenzial zur Energieeinsparung im Mischwerk.
- Kreislaufwirtschaft: Die Erhöhung der Recyclingquote durch die Wiederverwendung von Ausbauasphalt reduziert den Bedarf an neuen Rohstoffen und senkt die Emissionen in der Bereitstellungskette.
- Brennstoffwechsel: Der Übergang von fossilen Brennstoffen wie Kohle oder schwerem Heizöl hin zu Erdgas, Biokraftstoffen oder perspektivisch Wasserstoff ist für die Dekarbonisierung der Mischwerke unerlässlich.
Bis 2050 verschieben sich die Prioritäten weiter. Die Roadmap sieht vor, dass bis dahin 100 Prozent der Produktion als Niedrigtemperaturasphalt erfolgen. Der Anteil an Ausbauasphalt im neuen Mischgut soll im Durchschnitt auf 50 Prozent steigen. Zudem müssen die Transportprozesse und die Baustellenlogistik weitgehend elektrifiziert oder auf wasserstoffbasierte Antriebe umgestellt werden.
Asphalt 4.0: Digitalisierung als Werkzeug der Dekarbonisierung
Neben den materialtechnischen Anpassungen spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle bei der Erreichung der Klimaziele. Unter dem Begriff „Asphalt 4.0“ werden digitale Technologien zusammengefasst, die Prozesse optimieren und Ressourcen schonen. Dies beginnt bereits in der Planungsphase.
Behörden und Planer können heute auf umfangreiche Datenquellen zugreifen. Geografische Informationssysteme (GIS) helfen dabei, Rohstoffquellen mit den geringsten CO₂-Auswirkungen zu identifizieren und Transportwege zu optimieren. KI-gestützte Algorithmen ermöglichen es, Straßendesigns zu entwerfen, die Materialeinsatz und Langlebigkeit perfekt ausbalancieren.
In der Bauphase sorgen digitale Logistiktools für einen reibungslosen Ablauf. Sie verhindern Leerlaufzeiten von Lkws und Maschinen, optimieren die Walzübergänge und stellen sicher, dass genau die benötigte Menge Material zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Dies vermeidet Abfall und unnötigen Kraftstoffverbrauch. Ein weiterer Vorteil ist die präzise Dokumentation. Automatisierte Systeme erfassen alle relevanten Daten für Umweltproduktdeklarationen (EPDs) direkt während des Prozesses. Dies schafft Transparenz und erleichtert die Nachweisführung gegenüber Auftraggebern und Regulierungsbehörden.
Langlebigkeit durch intelligente Erhaltung
Ein oft unterschätzter Faktor für die Nachhaltigkeit ist die Nutzungsdauer der Infrastruktur. Je länger eine Straße hält, desto besser ist ihre Ökobilanz. Hier setzen moderne Erhaltungsstrategien an. Durch sensorgestützte Zustandsüberwachung lässt sich der optimale Zeitpunkt für Sanierungsmaßnahmen präzise bestimmen.
Wird eine Straße zu früh saniert, verschwendet man Ressourcen. Wartet man zu lange, verschlechtert sich der Straßenzustand so sehr, dass der Rollwiderstand der Fahrzeuge steigt, was wiederum zu höheren Emissionen im Verkehr führt. Prädiktive Wartungsalgorithmen finden das Optimum zwischen diesen beiden Extremen.
Am Ende des Lebenszyklus schließt sich der Kreis. Wenn wir durch digitale Zwillinge genau wissen, welche Materialien vor Jahrzehnten verbaut wurden, können wir den Rückbau und das Recycling viel präziser planen. Fräsgut lässt sich sortenrein trennen und gezielt wieder in den Kreislauf einbringen. Dies ist die Basis für eine echte Circular Economy im Straßenbau.
Eine gemeinsame Verantwortung
Die Transformation hin zur Klimaneutralität ist eine Aufgabe, die kein Akteur allein bewältigen kann. Sie erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen der Asphaltindustrie, den Straßenbauverwaltungen, der Politik und angrenzenden Sektoren wie der Energie- und Automobilwirtschaft.
Öffentliche Auftraggeber haben hierbei eine starke Hebelwirkung. Durch technologieoffene Ausschreibungen, die nachhaltige Lösungen fordern und fördern, setzen sie die notwendigen Impulse im Markt. Es geht darum, den Mut zu haben, neue Wege zu gehen und innovative Verfahren wie Niedrigtemperaturasphalt oder hohe Recyclingquoten in der Praxis zuzulassen und einzufordern.
Die technischen Lösungen liegen auf dem Tisch. Die Roadmap ist gezeichnet. Jetzt gilt es, diese Maßnahmen konsequent in die tägliche Baupraxis zu überführen. Wir bei Fliegl Baukom verstehen die komplexen Anforderungen, vor denen Sie als Entscheidungsträger stehen. Wir begleiten Sie dabei, Ihre Projekte zukunftssicher und nachhaltig zu gestalten, ohne dabei die Wirtschaftlichkeit aus den Augen zu verlieren.
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